Bericht in den „Sichtweisen“ übers Tauchen als Blinder

Vor ungefähr zwei Monaten wurde ich vom Magazin „Sichtweisen“ kontaktiert und gefragt, ob ich einen Bericht übers Tauchen als Blinder schreiben möchte.
„Sichtweisen“ ist das Magazin des deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes.
Ich habe zugesagt und nun ist dieser Artikel entstanden und in der April-Ausgabe veröffentlicht worden.

Bericht als PDF

Unten werde ich den Bericht als Text anfügen.
Ich nehme den letzten Entwurf, da die OCR beim Einscannen die Zeilen verschoben hat.

((Rubrik))
Forum

((Head))
Knisternde Unterwasserwelt

((Vorspann))
Ein Gespräch am Arbeitsplatz über Hobbys brachte den blinden Österreicher Simon Eigeldinger zum Tauchen.
Unter der Wasseroberfläche in die Tiefe zu schweben und die Geräusche der Unterwasserwelt zu hören, fasziniert den Vorarlberger auch nach rund hundert Tauchgängen.

((Autor))
Von Simon Eigeldinger

((Text))
Als Kind war ich im Sommer immer in einem Naturbad in der Nähe meines Heimatorts in Österreich.
Dort war ich mehr unter als über Wasser, sagen meine Eltern.
Auch in den Sommerferien waren wir immer zwei Wochen in Italien am See.
Wasser hatte für mich immer schon einen großen Reiz.
Obwohl ich von Geburt an blind bin, wurde ich nie von jemandem gehindert, etwas auszuprobieren.
Meine Eltern und mein Bruder, die alle sehend sind, haben mich sehr gut gefördert.
Mir wurde nicht oft gesagt, dass ich etwas nicht kann.
Zum Tauchen bin ich rein zufällig gekommen.
Bei meiner Arbeitsstelle bei der Stadt Hohenems hatte eine neue Mitarbeiterin angefangen.
Als ich mich erkundigte, was sie in der Freizeit macht, erzählte sie mir vom Tauchen.
Meine Neugier war geweckt.
Sie berichtete mir von einem Tauchclub für Menschen mit Handicaps, der in der Nähe meines Wohnorts ein Clubheim hat.
Sie fragte mich, ob ich da mal hingehen möchte.
Im März 2015 fuhren wir nach Deutschland ins Hallenbad in Lindau, das auch nicht weit von meinem Wohnort entfernt ist.
Der Tauchclub trainiert über die Wintersaison dort.
Mein Equipment war schon dort und auch Gundi, meine Tauchlehrerin.
Gundi Friedrich hat den Verein Handicaptauchclub Vorarlberg, HTCV, vor einigen Jahren gegründet.
In Vorarlberg war das Handicap-Tauchen nicht weit verbreitet, und da die hiesigen Tauchclubs nicht auf die Idee ansprangen, verwirklichte Gundi mit ein paar Freunden ihr eigenes Projekt, bei dem heute eine stattliche Anzahl an behinderten und nicht-behinderten Tauchern und Helfern mitmachen.
Für Gundi war das Tauchen mit einer vollblinden Person auch eine neue Erfahrung.
In der Ausbildung hatte sie zwar gelernt, wie man mit Blindheit umgeht, aber in der Realität ist das eine andere Sache.
Ihr Beruf als Physiotherapeutin und ihre jahrelange Erfahrung mit behinderten Menschen machten sie erfinderisch, und so hatten wir gleich eine gute Basis.
Das erste Mal Abtauchen war ein sehr interessantes Erlebnis.
Allein das Atmen durch den sogenannten Atemregler war faszinierend: Da kann man doch tatsächlich unter Wasser atmen.
Es ging sogar ganz leicht.
Die Luft ist etwas trocken, da ihr beim Einfüllen in die Taucherflasche die Feuchtigkeit entzogen wird.
Auch das Schwebegefühl war sehr angenehm.
Man kann die Schwerelosigkeit unter Wasser sehr genießen.
Nachdem ich mich etwas daran gewöhnt hatte, tauchten wir schon durchs Becken.
Gundi zeigte mir auch, wie ich mein Jacket, die Tarierweste, verwenden kann, um mich im Wasser richtig im Schwebezustand zu halten.
Mithilfe der Tarierweste kann man die Tauchtiefe durch Einfüllen oder Ablassen von Luft exakt festlegen.
Alles klappte erstaunlich gut.
Nachdem wir unseren ersten Tauchgang absolviert hatten, stand für mich fest, dass ich die Tauchausbildung machen möchte.
Die schriftliche Prüfung habe ich mit einem Helfer gemacht, der den Bogen für mich ausfüllte.
Unser Ausbilder hatte vor der Prüfung alles gut erklärt.
Ich habe mir dann die Unterlagen eingescannt, um zu Hause zu lernen.
Interessant war auch mein erster Tauchgang im Meer.
Einige Mitglieder des Clubs und andere Taucher flogen gemeinsam nach Ägypten.
Die Tauchbasis direkt am Hotel war uns eine große Hilfe.
Von einem Steg sprangen wir ins Wasser.
Beim ersten Mal hob es mir die Maske etwas vom Gesicht ab, und Salzwasser schoss mir in die Nase – nun ja, da bekam ich eine gratis Nasendusche gleich dazu.
Etwas erschrocken musste ich kurz über Wasser warten.
Zusätzlich hatte ich etwas zu wenig Blei mit und konnte nicht gleich abtauchen.
Kurzerhand zog mich Gundi nach unten: So begann unser erster Tauchgang im Meer.
Für die Kommunikation unter Wasser haben wir eine neue Technik entwickelt.
Diese besteht aus Klopfmustern auf die Hand und verschiedenen Codes, die in die Hand des blinden Tauchers gegeben werden.
Das Tauchen im Meer hat seinen ganz eigenen Reiz.
Unter Wasser hört man das Knistern und Arbeiten des Riffs.
Das Gefühl, im Meer zu tauchen, ist wegen der Geräusche und des wärmeren Wassers sehr speziell.
Ich durfte verschiedene Korallen berühren – natürlich vorsichtig, denn es gibt da verschiedene gefährliche Fische.
Und man soll ja auch nicht alles umreißen, schließlich wollen wir dort noch öfter hinreisen.
2017 waren wir erneut dort.
Mein Highlight war ein Tauchgang auf 31 Meter Tiefe.
Dort begutachteten wir das Wrack der „Salem Express“.
Das Wrack von außen zu ertasten, war spektakulär.
Die großen Schiffsschrauben, die Rettungsboote und einen kleinen Teil des Schiffsrumpfs durfte ich anfassen, um einen Eindruck davon zu bekommen.
Leider war das Schiff auch von giftigen Fischen bewohnt, die sich auf der Schiffswand angesiedelt haben.
Daher war eine weitere Erkundung zu riskant.
Nach fast hundert Tauchgängen kann ich sagen, dass ich noch keinen Tauchgang bereut habe.
Ich freue mich, dass ich eine neue Sportart kennengelernt und dabei tolle Freunde gewonnen habe.
Tauchen ist ein Sport, bei dem die Behinderung keine große Rolle spielt.
Ich empfehle jedem blinden Menschen, der es sich zutraut, unter Wasser zu gehen.
Bereits bei einem Schnuppertauchgang kann man viel ausprobieren.
Dazu sollte man vorher die Tauchtauglichkeitsuntersuchung machen.
Sie ist für jeden ein Muss – mit oder ohne Handicap.

((Autorenzeile))
Simon Eigeldinger, 31, lebt im österreichischen Hohenems. Er arbeitet in der IT-Abteilung seiner Heimatstadt.

((Globus))
Auf dem Blog https://0sicht.wordpress.com/ schreibt Simon Eigeldinger über seine Taucherfahrungen. Weitere Infos zum Tauchen mit Behinderung unter http://www.handicaptauchen.at.

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